Kommentar 27.11.2019, 16:08 Uhr

(Wofür) brauchen wir eigentlich 5G?

Wirtschaftsminister Altmaier (CDU) muss wahre Eiertänze vollführen. Darf Huawei am Aufbau des 5G-Mobilfunknetzes mitwirken - und wenn nicht, wie schaffen wir es, so schnell wie möglich ein 5G-Netz in Deutschland aufzubauen? Zeit für die Frage nach dem Sinn des Ganzen.
Die TK-Konzerne versprechen für 5G enorme Mobil-Downloadraten.
(Quelle: Telekom )
Manfred Gößl, Hauptgeschäftsführer des bayerischen Industrie- und Handelskammertages, brachte das Problem bei seiner Keynote in derTrendArena der INTERNET WORLD EXPO 2019 auf den Punkt: Der mangelnde Breitband-Ausbau in Deutschland wächst sich zum Wirtschafshemmnis aus. 40 Prozent alle bayerischen Unternehmen, so Gößl weiter, hätten Probleme mit ihrer Internet-Anbindung, im Mobilfunkbereich seien es gar 60 Prozent.

Funkstille in der Fläche

Was das konkret bedeutet, sehe ich jeden Morgen auf dem Weg zur Arbeit. Die Bahnstrecke zwischen Augsburg und München ist eine der am meisten frequentierten Bahnstrecken Deutschlands - und zwischen den Anschlussstellen Mering und Pasing, also ungefähr die halbe Strecke, gibt es meistens nur EDGE, selbst Telefonieren ist Glückssache. Für Bayern, die Heimat des Infrastrukturministers Scheuer und der Digitalministerin Beer (beide CSU) ist das eigentlich ganz schön peinlich. Und diese Trasse ist kein Einzelfall.
Das mag veranschaulichen, welch ein Handlungsdruck auf der Bundesregierung lastet, nun endlich mit 5G den Befreiungsschlag zu wagen - Klagen der Anwohner gegen Funkmasten hin, Angst vor Spionage durch den chinesischen Hardwarekonzern Huawei her.
Aber brauchen wir wirklich 5G? Und brauchen wir es so dringend wie nichts anderes? Vernünftig mit dem Handy surfen, Bestellungen aufgeben, Location Based Services nutzen und zur Not sogar Netflix-Videos sehen kann man auch mit einem Megabit pro Sekunde, es müssen nicht 500 sein. Auch Gößl warnte in seiner Keynote vor einem guten halben Jahr schon davor, nicht zu große Erwartungen in 5G zu setzen: "5G brauchen wir für das Internet of Things, das hat mit E-Commerce nichts zu tun."
Und jetzt wird es kitzelig: Brauchen wir eigentlich das Internet of Things, und wie dringend brauchen wir es? Zumal die Herausforderungen für ein 5G-Netz nicht zu unterschätzen sind. Rund 70.000 Mobilfunksender waren im März 2019 im Freistaat installiert, auf rund 500.000 schätzte Gößl den Bedarf allein in Bayern – einem Bundesland, in dem das Handy in Grenznähe zu Österreich gern mal bei einem .at-Provider einbucht, weil bei Telekom, Vodafone & Co. Funkstille herrscht.
Wäre ein solcher dichter Netzausbau überhaupt wirtschaftlich finanzierbar? Jeder Leser möge sich selbst prüfen: Bin ich bereit, für eine Verdoppelung der derzeitigen Bandbreite bei mir zuhause das Dreifache dessen zu zahlen, was ich jetzt zahle?

Bedarfs- oder angebotsgetrieben?

Internet of Things, autonom fahrende Autos, das hört sich alles sehr spannend an. Doch manchmal habe ich den Eindruck, dass diese Entwicklungen nicht nachfrage- sondern angebotsgetrieben sind. Laut einer Studie des World Economic Forum würden sich in Deutschland gerade einmal 45 Prozent aller Menschen von einem autonom fahrenden Auto fahren lassen, in Frankreich sind es sogar nur 40 Prozent. Natürlich ist die Auto-Industrie wichtig für Deutschland, aber benötigen wir wirklich ein 5G-Netz, um den Betrieb von Autos zu ermöglichen, die die meisten hier gar nicht wollen?
Mich erinnert die Situation an die Entwicklung von Auto-Navigationssystemen vor rund 35 Jahren. Damals träumten die Ingenieure von Funkbaken an jeder Straßenecke, mit denen sich die Autos austauschen würden und die von einem Zentralrechner aus die Fahrtinformationen in das jeweilige Navigationssystem übertragen. Doch bald setzte sich die Erkenntnis durch, dass die Investitionen in ein solches System viel zu groß sein würden. Denn bevor auch nur ein Auto so navigieren könnte, müsste man erst das komplette Netz errichten. Stattdessen konzentrierte sich die Entwicklung auf dezentrale Systeme, die autark funktionieren, das Navi war geboren.

Widerstand in der Bevölkerung

Die Befürworter eines möglichst raschen 5G-Ausbaus argumentieren damit, wir würden wirtschaftlich abgehängt ohne ein solches Netz. Doch was hat die Entwicklungs- und Exportnation Deutschland von einer Infrastruktur, die sie komplett in Asien zukaufen muss? Wie schützt sie sich gegen Zugriffe von außen, wenn sie die Tools dafür nicht kontrollieren kann? Und wie bekommen wir den großen Widerstand in der lokalen Bevölkerung gegen Infrastrukturmaßnahmen (Bahn- und Stromtrassen, Windräder, Funkmasten) unter einem Hut mit den Ausbauwünschen, die an den Bedürfnissen der Bevölkerung und auch der Wirtschaft vorbeigehen?
Folgt man IHK-Mann Gößl, wäre schon viel gewonnen, wenn Breitband-Glasfaseranschlüsse flächendeckend verfügbar wären, und wenn ein sattes 4G-Signal am Smartphone nicht die Ausnahme, sondern die Regel wäre. Ich glaube, da ist viel Wahres dran.     



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